22. November 2010

OTTO: How to… Make 100.000 Fans in 10 Days

DAS ist Social Media! Und allen, die es OTTO gerade nicht gönnen, sei gesagt: OTTO macht alles richtig.

Mit einem Model-Contest auf Facebook ist der Hamburger Versandhändler OTTO am Montag, den 15. November 2010 (Status: 25.000 Fans) an den Start gegangen. Soweit eine übliche Social-Media-Aktion eines Unternehmens – langweilig und berechnend und genau nach dem Schnittmuster, das Sachar Kriwoj am Sonntag hier so leidenschaftlich kritisiert. Doch der Community gefiel´s, die Fanzahlen stiegen innerhalb kürzester Zeit von 25.000 auf 100.000, 30.000 Bewerber zwangen die Server regelmäßig n die Knie.

Doch dann geschah etwas, mit dem niemand gerechnet hat:

Es ist auf den ersten Blick nur als ein kleiner Scherz zu verstehen, dass sich einer der Bewerber als Frau verkleidet bei dem Contest als “Brigitte” zur Wahl stellte. Und siehe da: Die Community liebte den schrägen Auftritt und stimmte eifrig für die Dame, die keine ist.

Ergebnis: “Brigitte” gewinnt den Model-Wettbewerb und wird nun – so sie/er denn will, für zwei Wochen das neue Gesicht der Fanpage von OTTO sein.

Ein Super-GAU für das Modehaus.

Ein Super-GAU? Nö!

Denn was OTTO hier erreicht hat, ist ein Paradebeispiel dafür, dass es verstanden hat, worum es bei Social Media neben Dialog auch und vor allem geht: um Partizipation, Engagement und nicht zuletzt auch Spaß.

Die Kommunikationsziele von Social Media Aktivitäten wurden in mehreren Schritten erreicht:

Ja, Social Media ist Kommunikation auf Augenhöhe, ist Zuhören, ist Verstehen und kein weiterer Marketing- oder PR-Kanal. Das hat OTTO auch schon längst verstanden und dies mit einer Mischung aus Tipps, Verlosungen und Dialogfähigkeit auf Facebook, Twitter und der Homepage hinreichend bewiesen. Nicht zu vergessen: Das BarCamp Hamburg fand erst vor knapp einer Woche in den Hamburger Räumen des Versandhauses statt. OTTO hat sich damit die Zuneigung eines weiteren Teils der Web-Gemeinschaft gesichert. Dieses Kommunikationsziel wurde also schon vor dem Contest erreicht.

Social Media ist aber auch Marketing. Das Ziel von Marketing-Aktivitäten ist es unter anderem, die Zielgruppe zu erreichen und auch die Reichweite der Markenbekanntheit zu steigern. Mit dem Sprung von 25.000 auf aktuell über 160.000 Facebook-Fans innerhalb von nur zehn Tagen hat OTTO auch dieses Kommunikationsziel erreicht.

OTTO nutzt nun im zweiten Schritt das sich anbietende Sprungbrett, macht den Spaß mit und lässt der Community ihren Willen. Das sorgt für Empörung, für Lacher, für Kritik und für “Likes” – kurz: für Gesprächsstoff. Das Kommunikationsziel wurde… ja, klar: erreicht.

Es bleibt OTTO nur zu wünschen, dass sie keinen Rückzieher machen und auch “Brigitte” nicht kneift. Es hätte die positiven Effekte, dass OTTO anderen Unternehmen vorführt, wie Partizipation im Social Web funktioniert, dass man sich mit Humor Freunde machen kann, dass hier niemand etwas verloren hat, der sich selbst zu ernst nimmt und dass es am Ende nicht um “richtig” oder “falsch” geht, sondern nur darum, was die Kunden wollen: Ob Verlosungen, Gutscheine, Dialog, Hilfe, Gespräche oder eben “Brigitte” – das muss jedes Unternehmen mit seinen Kunden gemeinsam herausfinden.

Und wenn der Fall “Brigitte” jetzt noch die Gender-Diskussion wieder auffrischt, die Diskrimierung von Männern/Transvestiten/Transsexuellen/Zwittern bei Model-Wettbewerben nach sich zieht, kriegt die “langweilige” Social-Media-Aktion auch noch eine politische Dimension. Wird die Zeitschrift “Brigitte” Urheberrechte einklagen? Ich bin gespannt, in diesem Land ist schließlich (fast) alles möglich.

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4. November 2010

Das Community Camp Berlin oder: Was darf eigentlich ein BarCamp?

Am vergangenen Wochenende habe ich mein viertes BarCamp in diesem Jahr besucht, das CommunityCamp in Berlin. Wie der Name schon erahnen lässt, ging es um alle Themen rund um Communities: Aufbau, Pflege, Plattformen, Kommunikation, Trolle, Juristerei und mehr.

Vorab: Das Organisations-Team hat alles richtig gemacht. Mein persönliches Highlight stellte eindeutig und mit Absstand der unglaublich leckere Apfel-Walnuss-Kuchen am Sonntag Nachmittag dar! Eine simple, aber wirkungsvolle Idee und Belebung für alle müden Geister. Wenn überhaupt etwas fehlte, dann waren es die Twitter-Namen auf den Namensschildern, aber das ist angesichts des gelungenen Wochenendes locker zu vernachlässigen.

Nachdem ich mit dem EnergyCamp im Oktober in Hamburg sogar schon mein erstes eigenes Camp organisiert habe, hatte ich selbstverständlich nun einen ganz anderen Blick auf die Orga und die Einbindung der Sponsoren und habe einige Anregungen mitnehmen können.

Ich fand es diesmal besonders angenehm, als Gast einfach nur dabei zu sein und zuzuhören – ich bin noch neu in der Rolle des Community Managers, wenn ich mich überhaupt so nennen darf im Vergleich zu einigen großen Projekten, wie beispielsweise der hej Community von IKEA Family – ein erfrischender Vortrag am Samstag Nachmittag von Susanne Lämmer und ehrlich gesagt genau deswegen so erfreulich, weil es ein klassischer Vortrag war. Außerdem hab ich viel mitgenommen aus der Session von Oliver Überholz zu “165 Tools”, “Offline-Events” und “Communities go mobile” von Vesna Gudlin.

Berlin ohne Nörgeln ist wie Hamburg ohne Fischmaakt, Digga

Auch diesmal gab es abschließend wieder die Diskussionen, was ein BarCamp ist, darf und was nicht, was muss und was gar nicht geht. Was mir an diesen Gesprächen immer auffällt, ist, dass viele alles umsonst haben wollen, aber nörgeln, wenn Sponsoren zu sichtbar werden. Ein Eintritts- oder Unkostenbeitrag ist tabu, aber wer angesichts des gefühlt mangelnden Wertes der Eintrittskarte nicht auftaucht, wird gedissed. (Die eigentlich ironische Bemerkung in der Feedback-Runde, einen Internet-Pranger für die No-Shows einzurichten, haben Einige durchaus ernsthaft durchdacht, fürchte ich.)

Die anwesenden (meist Berater und/oder Freelancer wie ich) selbst ernannten Experten pauschalisieren nicht nur was im Social Web, sondern auch auf BarCamps muss, darf oder soll. Können darf dabei immer auffällig wenig.

Und das finde ich sehr schade.

Das BarCamp ist offen – sollte es zumindest sein

Denn was das BarCamp in meinen Augen ausmacht, ist die Offenheit dank der Gestaltungsmöglichkeit durch die Teilnehmer – nicht die Vortragsform oder die Finanzierung. Das Beispiel von Susanne Lämmer zeigt deutlich, dass ein Vortrag sehr spannend und interessant sein und mehr Mehrwert bieten kann als pseudo-demokratische Diskussionsrunden, in denen einige wenige ein sich im Kreis drehendes Gespräch am Session-Geber vorbei führen.

Ich erwarte von jedem Fachgruppen-Treffen, dass es mir inhaltlich etwas bringt – ob sich das Ganze nun BarCamp nennt, Conference, Konferenz, Tagung oder Gesprächskreis ist mir dabei völlig egal – mich interessieren die Themen und die News. Wer sie wie vorträgt, ist sekundär, wenn die Info bei mir ankommt. Das sollte bei jedem BarCamp im Vordergrund stehen und daher würde ich es begrüßen, wenn die Community sich ganz im Sinne der zweinulligen Toleranz auch hier öffnet, jedem Camp und jeder Konferenz zuzugestehen, sich so zu organisieren, wie es der Zielgruppe der Teilnehmer und Interessenten am ehesten passt.

Das Format des BarCamp ist so erfolgversprechend, dass es über die Social Web Szene hinaus wachsen wird und auch schon tut. Und es muss das Recht haben, sich auf diesem Weg weiter zu entwickeln – wen die unbekannte Offenheit abschreckt, der soll dennoch einige Tagesordnungspunkte finden können, an denen er sich festhalten kann. Es ist unsere Aufgabe, diese Brücke zu bauen und unsere Errungenschaften zu teilen – denn am Ende des Tages geht es immer nur um Inhalte und Relevanz und nicht um Kosmetik.

Und wer sich beklagt, dass es zu hohe No-Show-Raten gibt, muss sich dann auch damit abfinden können, dass Unkostenbeiträge erhoben werden. Einfach nur Bashen um des Bashings willen ist doch bei uns allen so langsam durch. (Auch wenn ich in diesem Moment das Bashen bashe… ach, egal.)

Mir hat die Mischung der Vortragsstile, Themen und Präsentatoren gefallen. Ich habe einige alte Bekannte wieder gesehen, tolle & nette neue Menschen kennengelernt, einen angenehm entspannenden Abend in Berlins Mitte verbracht, einiges gelernt und einen spontan-charmanten Heimfahrservice von Ralf Hendel inklusive mobiler Privat-Session zu Drupal genossen.

Beeindruckendstes Learning und daraus resultierender next step zur Positionierung meiner Brand in der Community: Ich werde mir noch in dieser Woche eine Ringelstrumpfhose kaufen.

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17. September 2010

Smartphones & mobiles Surfen: Von der Erwartung zur Realität

Eine aktuelle Studie von Nokia Siemens Networks zeigt, dass Smartphone-Besitzer nur geringe Loyalität zu ihrem Provider aufweisen und einer von drei Nutzern bereit ist, zu Gunsten besserer Sprach- und Datenverbindung den Anbieter zu wechseln.

Das deckt sich zu meiner persönlichen Beruhigung mit meiner eigenen Erwartung und Erfahrung: Ich habe in den letzten Monaten fast alles ausprobiert, was der Markt zu bieten hat, von Vodafone, O2, Simyo bis hin zu Tchibo und heute ist es t-mobile. Und jeder Provider beschenkt mich mit einem neuen Problem. Der eine hat eine schwache Netzabdeckung, der nächste ist unglaublich frech und penetrant, der nächste schreibt falsche Rechnungen und aktuell ist die Sprachqualität öfter mal minderwertig. Hinzu kommt meine Unzufriedenheit mit dem Telefon selber: obwohl es ein Smartphone ist.

Oder gerade weil es ein Smartphone ist? Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich von meinem kleinen Büro erwarte, so stabil, schnell und zuverlässig zu arbeiten wie ein Mini-Computer. Es ärgert mich, wenn die Seite zu langsam lädt oder ich eine e-Mail erst später sehe, weil die Benachrichtigung nicht funktioniert hat. Und so wird es den meisten der Befragten in der Studie gehen. Wir übersehen, dass wir mit unserer permanenten Dauernutzung selber dazu beitragen, dass die Netze stark belastet sind. Hinzukommen die Eigenheiten der Geräte, man nehme nur das aktuelle Beispiel des iPhone 4.

Nach mehreren informativen Hintergrundgesprächen mit einem äußerst hilfsbereiten und kompetenten FAZ-Redakteur erlange ich so langsam die Gewissheit, dass ich mein Smartphone nicht überfordern darf – es liegt nicht an ihm, es liegt an mir. Ich lerne, es wie einen bemühten Assistenten zu beurteilen: Ich freue mich, wenn es gut läuft und habe Nachsicht, wenn es nicht so gut läuft. Und fange an, mich zu entspannen.

9. August 2010

Die Noa-Bank: Zwischen Schein und Sein

Transparenz, Fairness und Wertschätzung – diese Werte schreibt sich die noa-Bank auf die Fahnen und will damit nach der vertrauenserschütternden Finanzkrise ein neues Bankenbild zeichnen. Und genau dafür wurde die Bank schon im April 2010 in einem Artikel auf Spiegel Online scharf angegriffen: Man benutze diese “socialwashing” Kommunikation, um ein anderes, weniger ethisches Geschäftsmodell zu finanzieren.

Eine mediale Schwalbe machte noch keinen Sommer und eine Beoachtung durch die BaFin ist noch keine Verurteilung und so blieb es vorerst ruhig um die noa Bank. Doch nun hat die BaFin das Institut tatsächlich gestoppt.

Kleinanleger konnten dies nicht ahnen, denn die noa Bank hat auf den ersten Blick die verunsicherten Kunden aufgefangen mit Ökologie, Verantwortung, Transparenz und einen Blog hatten sie auch. Sie versprach das, was der Kunde hören wollte.

Wer in diesem Blog jedoch genauer hingelesen hat, wurde sehr schnell davon überzeugt, dass es mit dieser Wertschätzung und Transparenz nicht besonders ehrlich gemeint gewesen sein kann, denn hier wurden schwammige Vorwürfe gegenüber Dritten publiziert, Journalisten fürs Fragen stellen kritisiert und insgesamt wurde ein bisschen zu laut herum gepoltert. Das ist keine partnerschaftlicher Kommunikation auf Augenhöhe und passt schon gar nicht zum angekündigten Wert “Transparenz”.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass scheitern wird, wer nicht ist, was er vorgibt zu sein. Insbesondere in der Kommunikation von traditionellen Werten wie Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und Verantwortungsbewusstsein muss jedes Unternehmen sich selbst regelmäßig kritisch hinterfragen und am besten von externen Beratern sorgfältig durchleuchten lassen, ob es die gemachten Versprechen tatsächlich konsequent halten kann. Denn hat der Kunde das Vertrauen einmal verloren, ist es fast unmöglich, dieses wieder zu gewinnen.

Update 18. August 2010: Im noch aktiven Blog macht das Institut heute die BaFin für das Scheitern der noa Bank verantwortlich.

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1. August 2010

Nachhaltige Kommunikation: Die Basis für eine gute Ehe zwischen Marke und Konsument

Nachhaltigkeit ist in aller Munde und bisweilen schon ein bisschen abgenutzt. Fast jedes Unternehmen hat eine CSR-Strategie im Portfolio und oft genug entpuppt sich diese beim genauen hinsehen als grünes oder soziales Mäntelchen, mit dem das Image trendgerecht aufgehübscht werden soll. Nachhaltige Kommunikation ist mehr als das Bedienen ökologischer, ökonomischer und sozialer Informationsbedürfnisse von Teilzielgruppen – sie ist der Aufbau langfristiger und tragfähiger Beziehungen, idealerweise ähnlich langfristig angelegt wie eine Ehe. Damit dies mit allen wichtigen Stakeholdern gelingt, basiert die nachhaltige Kommunikation auf traditionellen Werten wie Authentizität, Verantwortungsbewusstsein und Vertrauen. Ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit sind ein selbstverständlicher Teil der Unternehmensphilosophie und keine Aktivität widerspricht diesem Engagement. Die nachhaltige Kommunikation verzichtet zwar nicht auf modische Flirts, wenn sie der Weiterentwicklung dienen, bleibt ihrer Linie jedoch grundsätzlich treu und konzentriert sich auf die Bedürfnisse Ihrer Partner.

Werbung und PR können flunkern – aber sie dürfen es nicht

Warum Werte? Dank Internet, sozialen Medien und der neuen Transparenz und Informationsvielfalt, die sich hieraus ergeben, wird jede noch so kleine Lüge oder Schummelei in Werbung & PR schnell entlarvt. Der Schaden, der entsteht, wenn Unwahrheiten von Dritten aufgedeckt werden, ist ungleich höher als der Nutzen, der sich bis dahin aus der Flunkerei eingestellt hat. Jüngste Beispiele: BP und die bearbeiteten Fotos, der Versicherungskonzern Ergo, der in der aktuellen Kampagne zwar die Probleme der Kunden punkgenau und attraktiv verpackt anspricht, aber selber dieses Versprechen niemals einlösen kann: Versicherungen sind komplex und kompliziert und werden es immer bleiben, daran wird auch Ergo nichts ändern können. 1&1 ist mit der Marcell-D´Avis-Strategie bereits daran gescheitert, das Unmögliche möglich machen zu wollen.

Dass in Werbung und PR gelogen wird, bis sich die Balken biegen, ist den meisten Konsumenten bewusst und es wurde bis vor kurzem meist akzeptiert, man hatte sich daran gewöhnt. Aber: „Nur weil man sich daran gewöhnt hat, ist es nicht normal“, sang die Hamburger Band „Kettcar“ in „Deiche“ schon 2005. Der Wunsch der Konsumenten nach Ehrlichkeit wächst seit der Finanzkrise 2008 und 2009 wieder und die Kommunikation muss dieses Bedürfnis anerkennen, will sie ankommen.

Kommunikation will die Menschen schließlich dort erreichen („abholen“, wie es in der Marketing-Sprache heißt), wo sie sich gesellschaftlich und emotional befinden, daher bildet sie auch stets die aktuelle gesellschaftliche Strömung ab. In den 50ern und 60ern war es die schöne, heile Welt des Wirtschaftwunders, in den 70ern die Individualität und Diversifikation, in den 80ern und 90ern der Überfluss. Seit dem Zusammenbruch der Finanzmärkte und der „Ent-Deckung“ zahlreicher Lügen, Verstrickungen und Manipulationen, die eine weltweite Wirtschaftskrise ausgelöst haben, fordert der mündige Konsument, dass nicht nur Politik, sondern auch Unternehmen und Marken ehrlich mit ihm umgehen und auf Augenhöhe kommunizieren. Der Konsument will und muss ernst genommen werden, schließlich steht er im Mittelpunkt der Kommunikationsaktivitäten. Fühlt er sich nicht ernst genommen, wendet er sich ab.

Beziehungen: Marken & Unternehmen sind Teil unseres Privatlebens

Unternehmen lernen also gerade, wieder umzudenken. Weg von modischen Hypes wie Second Life oder das angebliche Sterben von Print zurück zu zeitlosen Werten. In einer Zeit, in der nichts mehr sicher scheint, gewinnt die Sehnsucht nach Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit in der Gesellschaft und folglich auch in der Kommunikation wieder an Bedeutung. Soziale Medien können dabei eine zentrale Rolle spielen, denn sie sind vielfach genutzte Plattformen für diese traditionellen Werte, sie stehen für vertrauensbildende Aufgeschlossenheit, Transparenz und Dialogfähigkeit. Insbesondere Transparenz trägt zur Vertrauensbildung bei: Dieser Meinung sind nicht nur die 82 Prozent der angehenden Akademiker, die im Rahmen einer Pilotstudie an der Uni Mainz interviewt wurden.*

Mit der Kommunikation dieser Werte gleicht sich die Beziehung der Unternehmen und ihren Marken zu Stakeholdern privaten Beziehungen an: Das zeigt sich im alltäglichen Kontakt auf Facebook, Twitter & Co., wo zunehmend auch auf persönlicher Ebene kommuniziert wird. Und es wird deutlich, wenn Beschönigen oder gar Verschweigen wichtiger Tatsachen Lügen gleichgesetzt wird. Täuschungen sind tabu, die neuen kommerziellen Beziehungen basieren auf Ehrlichkeit, Authentizität und Zuverlässigkeit, wie es unter Freunden, Partnern und innerhalb der Familie üblich oder zumindest wünschenswert ist.

Dienstleister, produzierende Unternehmen und Marken sind nicht länger nur neutrale Zulieferer von Gütern und Services, die sind Teil unseres Lebens. Sie haben dies so gewollt, in dem sie sich im Alltag und damit im Privatleben ihrer Kunden positioniert haben. Sie wollten ihre Zielgruppen an sich binden, eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Nun fordern die Konsumenten ein, dass die Marken und Unternehmen ihr Versprechen halten – so wie es schon die Codes de Lisbonne und d´Athene für PR schon immer vorschreiben.

Der Kunde von heute ist wie eine starke Frau, die erobert werden will

Auch auf die Gefahr hin, mir nun die aufgebrachten Kommentare diverser Geschlechtsgenossinnen einzuhandeln: Der Kunde ist eine erwachsene, erfolgreiche und selbstbewusste Frau, die es zu erobern gilt. Ein paar Mal Theater, Essen gehen und hier und da mal eine Rose in der Kennenlernphase reichen einfach nicht, um das Herz und die Liebe langfristig zu gewinnen. Entpuppt sich der Verehrer als Lügner, Macho oder Egozentriker, wird er schneller wieder an die Luft gesetzt als er „Blaubeerpfannkuchen“ sagen kann.

Eine gute und tragfähige Beziehung baut sich auf privat und auch gewerblich immer auf den gleichen Werten auf:

- Authentizität
- Ehrlichkeit
- Zuverlässigkeit
- Verantwortungsbereitschaft

Ausprägungen davon im Unternehmen sind (angemessene) Transparenz, Dialogbereitschaft und Wertschätzung des Kunden, mit oder ohne den Einsatz von sozialen Medien. Der Kunde dankt es mit Loyalität und Bindung, auch wenn es mal nicht so rund läuft – einer kommerziellen Ehe, könnte man sagen.

* Werben und Verkaufen, Nr. 30/2010, EVT 29. Juli 2010, S. 28

23. Juli 2010

Resterampe Facebook?

Erst der Polo GTI, jetzt FHM. Die Strategie, Content exklusiv auf Facebook zu publizieren wurde bei der Werbekampagne für den VW Polo GTI noch modern und mutig genannt, FHM hingegen trifft auf Kritik. Warum ist das so?

Beide treffen ihre Zielgruppe im Netzwerk. Und beide liefern sich Facebook komplett aus, denn die Amerikaner könnten theoretisch die Plattform über Nacht schließen, an den Kampagnen mitverdienen wollen oder die Inhalte verändern, zensieren, löschen. Doch das Bewerben eines Produkts mit einer eher spitzen Zielgruppe ist nicht gleichzusetzen ist mit der Kontrollüberlassung über ein Informationsmedium. Es bedroht gefühlt unsere Informationsfreiheit, auf die wir extrem großen Wert legen und um die wir jeden Tag kämpfen.

Aber: Trägt FHM denn wesentlich zur politischen oder anderen Bildung bei? Vielmehr ist es doch ein werbefinanziertes Lifestyle-Blatt, das bestimmt auch aus Kostengründen als Folge von rückläufigen Werbebuchungen diesen Schritt gewählt hat.

Was wäre vor diesem Hintergrund die Alternative für FHM? Redakteure feuern, das Magazin einschläfern, Freien immer weniger zahlen? Wenn der Sprung zu Facebook ein paar Jobs rettet, ist das nichts anderes als das, was wir doch eigentlich von Verlagen erwarten: Ein neues Geschäftsmodell, das das Internet und seine Möglichkeiten nutzbringend einsetzt. Hätte man auch mit einem Online-Magazin und/oder der Webseite haben können? Klar, aber das hätte nicht die gleiche (zumindest potenzielle) Reichweite: Ein Klick auf „Gefällt mir“ und “Teilen” ist auf Facebook schneller gemacht als das bewusste Eintippen einer URL oder gar die Suche über Google. Ich habe die FHM noch nie gekauft und würde auch nicht regelmäßig die Webseite besuchen, aber wer weiß, vielleicht stolpere ich jetzt bei Facebook auch mal über einen interessanten Beitrag, der mich sonst nie erreicht hätte? Werde ich am Ende sogar noch Leser oder gar Fan? Ich bin zumindest eine potenzielle neue Zielgruppe, die FHM damit gewinnt.

Dennoch schätzt netzwertig, dass der Verlag mit dieser Maßnahme dokumentiert, dass das Produkt FHM dem Verlag nicht so wichtig sein kann. Facebook also als Resterampe für sterbende Printmedien?

Da ist was dran, denn die Fokussierung auf Facebook gewinnt zwar die Aufmerksamkeit der Zielgruppe dort, wo sie ohnehin ist – aber nur die der Teilzielgruppe, die dort ist. Denn bei allen steigenden Nutzerzahlen entsprechen die 10 Millionen Nutzer gerade mal zwölf Prozent der Deutschen. Das heißt, 88 Prozent sind immer noch ohne Profil. Auf diese potenziellen Leser verzichtet FHM und ob das betriebswirtschaftlich auf Dauer immer noch klug ist, wird sich noch zeigen. Ja, es wäre cleverer gewesen, die Webseite zu behalten, denn auf einem Bein steht niemand gut. Eine sinnvolle Integration der Social Networks in die Webseite hätte es sicherlich auch getan.

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